Dissoziation: Wenn sich das Bewusstsein abschaltet
Fluchtmechanismus der Psyche bei Überbelastung und Traumatisierung
Entwickelt von Pierre Janet, Sigmund Freud, moderne Neurowissenschaftler · 1889
Einführung
Dissoziation beschreibt einen Zustand, in dem sich das Bewusstsein von Körperempfindungen, Gedanken oder der Umgebung abkoppelt. Betroffene berichten von einem Gefühl der Fremdheit gegenüber sich selbst, als würden sie sich selbst von außen beobachten. Der Körper funktioniert, aber der Geist scheint abwesend zu sein. Dieses Phänomen ist häufiger, als viele Menschen denken, und reicht von leichten Episoden bei Stress bis zu schweren dissoziativen Störungen.
Die Relevanz dieses Themas liegt in der wachsenden Anerkennung von psychosomatischen Zusammenhängen. Dissoziation wird durch chronischen Stress, Traumatisierung und Überbelastung ausgelöst. Das Verständnis dieser Mechanismen hilft Menschen, ihre Symptome besser einzuordnen und professionelle Hilfe zu suchen. Achtsamkeit und körperorientierte Techniken können dabei unterstützen, die Verbindung zwischen Geist und Körper wiederherzustellen.
Wissenschaftlicher Hintergrund
Die Neurobiologie der Dissoziation zeigt Veränderungen in mehreren Hirnregionen, insbesondere im präfrontalen Kortex, der für Selbstbewusstsein zuständig ist, und in der Amygdala, die Angstverarbeitung steuert. Bei dissoziativen Episoden sinkt die Aktivität im präfrontalen Kortex, während die Amygdala überaktiv bleibt. Der Neurotransmitter Dopamin spielt eine Rolle bei der Unterdrückung von Schmerz und Angst. Dieser neurobiologische Prozess ist ein evolutionärer Schutzmechanismus, um in lebensbedrohlichen Situationen zu funktionieren.
Wirkungsmechanismus
Bei Dissoziation senkt sich die Herzfrequenz ab, der Blutdruck kann sinken, und die Muskelspannung verringert sich – ein Phänomen namens Tonic Immobility oder Totstellreflex. Die Pupillen können sich verengen, die Körpertemperatur sinkt häufig. Diese messbaren physischen Veränderungen gehen mit verändertem Zeitempfinden, Tunnelsicht und emotionaler Taubheit einher. Einige Menschen berichten von schmerzunempfindlichkeit oder dem Gefühl, dass ihre Gliedmaßen nicht mehr zu ihnen gehören. Diese Reaktion ist ursprünglich ein Überlebensmechanismus, kann aber bei wiederholtem Auftreten problematisch werden.
Praktische Übungen
Körper-Ankering durch Sinneswahrnehmung
5 Minuten- Setze dich aufrecht hin und benenne fünf Dinge, die du sehen kannst, vier, die du anfassen kannst, drei, die du hören kannst, zwei, die du riechen kannst, eine, die du schmecken kannst.
- Konzentriere dich dabei auf jede Wahrnehmung intensiv und spüre die Verbindung zu deinem Körper.
- Wiederhole diese Übung, wenn du dich abgekoppelt fühlst, um dich in die Gegenwart zurückzuholen.
Ideal bei: Bei ersten Anzeichen von Dissoziation oder zur Prävention bei chronischem Stress
Progressive Muskelentspannung mit Bewusstsein
10 Minuten- Spanne systematisch jeden Muskel deines Körpers für fünf Sekunden an, beginnend bei den Zehen, und konzentriere dich intensiv auf das Anspannungsgefühl.
- Löse die Spannung auf und achte bewusst auf das Entspannungsgefühl – dies baut die Verbindung zu deinem Körper auf.
- Arbeite dich bis zum Kopf vor und beende die Übung mit tiefem, bewusstem Atmen.
Ideal bei: Täglich zur Vorbeugung oder bei Symptomen von Abspaltung
Sichere-Ort-Visualisierung
8 Minuten- Stelle dir einen Ort vor, an dem du dich vollkommen sicher und geborgen fühlst – real oder imaginär – mit allen Sinnesdetails.
- Verweile in dieser Visualisierung und verankere positive Körperempfindungen: Wärmegefühl, Entspannung, Sicherheit.
- Öffne langsam die Augen und merke dir diese Empfindungen für Notfallmomente.
Ideal bei: Bei Angst vor Dissoziation oder als Prävention nach stressigen Ereignissen
Für wen geeignet
Diese Information richtet sich an Menschen, die Symptome von Dissoziation erleben oder bei chronischem Stress und Traumatisierung gefährdet sind. Die Inhalte eignen sich auch für Angehörige und Fachpersonen in psychosozialen Berufen, die Betroffene unterstützen möchten.
Häufige Fragen
Ist Dissoziation dasselbe wie Ohnmacht?
Nein, Dissoziation bedeutet, dass das Bewusstsein wach bleibt, aber abgekoppelt ist. Bei Ohnmacht verliert man das Bewusstsein völlig. Menschen mit Dissoziation können gleichzeitig funktionieren.
Kann Dissoziation gefährlich sein?
Milde Dissoziation ist ein normaler Schutzmechanismus, aber häufige oder lange Episoden können problematisch sein. Sie sollten mit einem Therapeuten besprochen werden, besonders wenn sie im Alltag beeinträchtigen.
Kann man Dissoziation selbst behandeln?
Achtsamkeit und Körperübungen können helfen, aber professionelle Unterstützung ist wichtig bei chronischen Symptomen. Ein Therapeut kann die Ursachen adressieren und sichere Techniken vermitteln.
Studien & Quellen
van der Kolk et al. (2014)
The Body Keeps the Score: Brain, Mind, and Body in the Healing of Trauma
Diese Forschung zeigt, dass Trauma im Körper gespeichert wird und dass körperorientierte Therapien wie somatische Erfahrung und Neurofeedback wirksam sind. Dissoziation wird als Adaptationsmechanismus verstanden, der durch integrierte Therapien rückgängig gemacht werden kann.
Lanius et al. (2010)
The Impact of Trauma on Adult Survivors of Childhood Abuse and Neglect
Die Studie identifiziert spezifische Hirn-Aktivitätsmuster bei dissoziativen Symptomen. Sie zeigt, dass Achtsamkeitsbasierte Interventionen die Hirnaktivität normalisieren und die Symptomatik reduzieren können.
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